Lockung des Lebens – Kurt Arnold Findeisen

logo-bücherjungeLockung 2Vor vielen Jahren, davon schon mehrfach die Rede bei den Buchgesichtern und in den Blogs, begeisterten mich die Bücher des Kurt Arnold Findeisen. Dies begann mir DER GOLDENE REITER UND SEIN VERHÄNGNIS (► hier) und setzte sich fort mit FLÜGEL DER MORGENRÖTE (► hier)

Vor einigen Wochen konnte ich die Findeisen-Bibliothek vervollständigen. Dazu später einmal mehr, hier soll es um ein kleines schmales Büchlein aus dem Jahre 1924 gehen. Es heißt LOCKUNG DES LEBENS, aber weder Titel noch Titelbild lassen den Leser erahnen, dass hier ein sehr musisches Buch vor ihm liegt: Drei Geschichten auf sechsundfünfzig Seiten erzählen von drei großen Komponisten.

Lockung 1

Im Musikunterricht haben wir doch alle mal vom Notenbüchlein der Anna Magdalena Bach gehört, die „Bachin“, Gemahlin des Thomaskantors Johann Sebastian Bach, steht im Mittelpunkt und dieses ihr gewidmete Notenbüchlein. Die moderne Zeit macht es möglich, beim Lesen der kleinen Textauszüge gleich auf YouTube mitzuhören. Lustig sind die kleinen Gespräche der Mutter mit ihren Kindern, dem Friedemann Bach zum Beispiel und die Erläuterungen, welchen man andererseits nur voll folgen kann, wenn einem ein bisschen Musiktheorie mitgegeben wurde.
So manches Stück aus dem Notenbüchlein wird in der Geschichte erwähnt. Das Menuett G-Dur natürlich, oder das Lied so oft ich meine Tobackspfeife, mit gutem Knaster angefüllt, oder das

„Bist du bei mir, geh ich mit Freuden
zum Sterben und zu meiner Ruh,
Ach, wie vergnügt wär´ so mein Ende;
es schlössen deine lieben Hände
mir die getreuen Augen zu.“

 

Am Ende „streitet“ sich das Paar um „Wie wohl ist mir, o Freund der Seelen“.

Das ganze Notenbüchlein kann man hier hören:

 

* * *

Es ist die Zeit in der Carl Maria von Weber den Freischütz schuf, die romantische Oper, die vorher noch „Der Probeschuss“ hieß.

Wie es aussieht, wenn Findeisen über Musik schreibt? Über die „Aufforderung zum Tanz“?

„‚Komm schnell, meine Mukkin‘, sagte er, indem er eine Girlande aus Des-dur über die Tasten warf, ‚Du sollst zwei glückliche Sommermenschen tanzen sehen; `s ist, weil wir beiden selber noch nicht wieder tanzen mögen!‘ Und dann begann er. Und während er nun die Introduktion mit beflügelten Fingern heranführte, rief er durch das Springen seiner Musik mit schalkhaften Augen: ‚Erste Annäherung der Tänzer! – die Tänzerin winkt ab, weicht aus! – Er fordert dringender. – Sie lächelt gewährend. – Sie reden holde Dinge. – Er neigt sich. – Sie reicht ihm die Hand. – Sie treten zueinander und warten des Beginns, in den künftigen Takten leise bebend. – und nun zum Tanz!‘
Er brauste heran, allegro vivace – fortissimo, voll züngelnden Feuers, so ganz anders als alles, was sich bisher als Quadrille, Menuett, Sarabande gespreizt und zopfig umeinander geschlungen; männlich stürmisch brauste er heran- Und dem schönen ritterlichen Jüngling zur Seite sprang – molte dolce und scherzando – ein sommerseeliges Mädchen, wiegte sich in den Hüften, summte und kicherte, des schwingenden Tages froh. In perlenden Läufern haschten und neckten einander die Liebenden. Und nachdem sie eins geworden in jauchzender Umschlingung, tändelte wiegendes Entzücken, schwebende Sehnsucht. Dann ein kurzes, leidenschaftliches Fremdgefühl, in Moll, dann von neuem ausgelassene, alles Fesseln sprengende Jugendheiterkeit, bis im Triumpf überschäumender Verzückung der Walzer versprühte.
‚Der Tänzer verneigt sich‘, lachte der Spielende zu der Gefährtin empor. ‚Die Tänzerin senkt, noch bebend von Reiz und Rausch, den Scheitel. Sie gehen auseinander. Vorbei!“ (Seite 40-41)

 

Von Weber kommen wir in einer sehr kurzen Geschichte noch zu Schumann:

„Es war am letzten Novembersonntagdes Jahres Achtzehnhundertsiebenundzwanzig am ersten Advent…“

Da waren drei Primaner des Zwickauer Lyzeums unterwegs: Robert Schumann war dabei. Die drei kehren in einer Bauernkneipe ein. Sie rezitieren Schillers Balladen aber da steht auch ein Klavier… Und der feucht fröhliche Abend setzt sich zum Entzücken der Bauern fort. Und das Minchen, die junge Magd, tanzt mit dem Robert und im Abgang küsst er sie immer und immer wieder.

Gar kurz ist die Geschichte und kurzweilig.

* * *

Es ist die Sprache, die mich letztlich immer faszinierte. Alle Sätze sind glasklar und genau, Zeitformen gezielt gewählt und korrekt umgesetzt. Man hat das Gefühl, dass die Rechtschreibreform manches (vermeintlich) zu einfach gemacht hat. Dies kann man bei der Beschreibung der Elbeflut in Flügel der Morgenröte nachlesen, oder bei der Beschreibung der Aufforderung zum Tanz oben.

Episoden aus unterschiedlichen Lebenszeiten, keine Biografien der großen Komponisten, nur kurze Blitzlichter. Wirklich sehr schön zu lesen.

Kurt Arnold Findeisen (1883 – 1963) schrieb vor allem volkstümlich-sächsische und biografische Romane. Seine Sammlungen fielen den Luftangriffen auf Dresden leider zum Opfer.

© Bücherjunge

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